Am Samstagmorgen
holen mich Ernst und Herbert mit dem Auto, einem Fiat 600, aus
Freising ab. Nach einer wunderbaren Fahrt durch einen strahlenden
Spätsommertag kommen wir mittags in Steyr an, wo wir gastlich
aufgenommen werden. Nachmittags erproben wir unser Können auf der
Wettkampfstrecke.

Sonntags
ist herrliches Wetter. Der Slalom findet auf der
Weltmeisterschaftsstrecke von 1951 statt; er verlangt mehr als nur
Fahrtechnik, nämlich Mut. Nachmittags, nachdem unsere Boote getrocknet
verpackt und die Sieger geehrt waren, geht es los: die Enns aufwärts
nach Großreifling. Es ist schon sehr spät geworden, bis wir unser Zelt
im dunklen Schatten der Gesäuseberge aufgebaut haben. In der nächsten
Wirtschaft wird noch während des Abendessens ausgekundschaftet, wann
am nächsten Tag ein Forstauto in Richtung Palfau an die Steyrische
Salza fährt. Es heißt um 6 Uhr früh.

Am nächsten Morgen
ist der Erste schon um ½ 5
Uhr munter. Seine eifrigen Bemühungen, uns das Frühstück zu bereiten,
sind von dem Erfolg gekrönt, daß uns das Forstauto beinahe vor der
Nase davon fährt, weil wir zu ausgiebig futtern. Schnell räumen wir
unser Zelt auf, dann laden wir die Bootsrucksäcke auf das Auto. Wir
kauern uns im Windschatten der Fahrerkabine zusammen, weil es zu
dieser Jahreszeit morgens schon empfindlich kalt ist. Nach nochmaligen
Umladen kommen wir bis kurz vor die Bresceniklause. Schnell werden die
Boote aufgebaut. Als die Sonne richtig zu wärmen anfängt, geht es die
Salza hinunter. Wenig, aber glasklares Wasser führt dieser
Gebirgsbach. Wo der Lassing mündet, rasten wir und sonnen uns. Immer
schwieriger wird das Wasser, um in einer Gefällstufe, dem Salzarechen,
seinen Höhepunkt zu finden. Dem, der mit Wildwasser nicht vertraut
ist, lobt man vergebens die Schönheiten der Salza und ihre wuchtige
Landschaft, aber gerade das bereitet wirkliche Freude, die
Schwierigkeiten des Flusses zu überwinden und sich so die Schönheit
der Landschaft zu erschließen. Nach dem Rechen fließt die Salza in
ihre große Schwester, die Enns. Ein mächtiger Schwall zeugt vom Kampf
der beiden Wassermassen. Die raschen Wellen der Enns tragen uns zu
unserem Zeltplatz vom vorherigen Tage. Nach den Anstrengungen schmeckt
die Brotzeit besonders gut und wir sind froh, bald in unser Zelt
kriechen zu können.

Dienstag:
Für heute haben wir uns die Enns vorgenommen. Gegen ½ 9 Uhr brechen
wir auf. Die aufgebauten Boote auf dem Dachgestell des Fiat 600 fahren
wir hinüber nach Hieflau und ins Gesäuse. Welcher Faltbootfahrer hat
noch nie von Hieflauer Höll und der einst für unbefahrbar gehaltenen
Kummerbrückenstecke gehört? Müßig zu fragen, denn jeder möchte seine
Kräfte mit diesem klassischen Wildwasser messen. Die Fahrt bis zum
Gesäuseeingang zieht sich sehr in die Länge, immer wieder laufen wir
hinunter zum Wasser, schauen und schauen. Alle Schwierigkeiten werden
genau besichtigt und besprochen. Aber oft kommen wir trotz aller
Kletterkunststücke nicht dorthin, wohin wir wollen. Leider hat die
Enns im Gesäuse viel von ihrem Wasser durch das Stauwerk bei
Gstatterboden verloren, aber noch immer ist sie eines der prächtigsten
und machtvollsten Wildwasser, die es gibt. 300 m oberhalb der
Eisenbahnbrücke, gleich hinter dem Gesäuseeingang, bringen wir zwei
Boote zu Wasser. Ich als Anfänger werde dazu verdonnert, das Auto
nebenher zu fahren. Kaum sitzen Herbert und Ernst in den Booten, geht
die Balgerei mit dem Wasser los und sie schießen davon. In
Gstatterboden sehe ich sie erst wieder. Sie kommen kaum später an, als
ich mit dem Wagen. Gerade so, daß ich ihnen noch eine geeignete Stelle
zum Landen heraussuchen kann. Die beiden Boote werden aufs Auto
gepackt und ab geht’s zur Kummerbrücke. 200 m unterhalb von dieser
gehen meine zwei Kameraden wieder aufs Wasser. Nun sehe ich sie nur
noch selten. Sie fahren unten in der Schlucht. Ab und zu kann ich
einen Blick hinunter auf die Schwierigkeiten des Wassers werfen. Von
der Hartlesgrabenbrücke aus kann ich lange ihren Weg durchs
Felslabyrinth verfolgen. In Hieflau vertauschen Ernst und ich die
Rollen, er steigt ins Auto und ich ins Boot. Ehe wir uns versehen,
sind wir durch die ersten Schnellen. Die “Höll” ist heute so zahm, daß
wir sie beinahe übersehen. Weitere Schwälle, Lawinenschwall, Landl – S
und Wiener Wellen, lassen uns heftig über die Wogen tanzen. Trotz
Gummianorak sind wir pitschnaß. Immer wieder erwischt uns ein Brecher.
Grünes klares Wasser wäscht uns und unsere Boote gründlich.
Erstaunlich, wo das Wasser überall hinfindet. Am ärgsten ist es, wenn
den Nacken hinunter eine kalte Dusche rieselt. Brrr, da wird’s’ einem
eisig! Am Spätnachmittag legen wir am Zeltplatz an. Ernst erwartet uns
schon mit einem warmen Essen. Aber heute sind wir unersättlich. Abends
essen wir noch einmal eine doppelte Portion im Gasthaus.

Mittwoch:
Es regnet. Ein richtiges Hundewetter!! Aber uns stört’s wenig. Wir
haben einen Reise- und Erholungstag eingelegt. Am vorhergehenden Abend
haben wir beschlossen, für die nächsten Tage an Krimmler Ache und
Salzach zu gehen. In einer Regenpause wird alles verstaut und ab
geht’s. Über den Madlingpaß kommen wir nach St. Johann an die Salzach.
Unterwegs laufen wir immer wieder ans Wasser, um es uns anzuschauen
und so kommen wir erst spät abends nach Krimml. Gut, daß Herbert hier
einen Bauern kennt, auf dessen Tenne wir übernachten können: denn zum
Zeltaufbau ist es schon zu dunkel.

Donnerstag:
Die Krimmeler Ache stürzt sich aus dem Gebiet des Glockenkarkogels in
ungeheuren Wasserfällen herab. Sechs Kilometer oberhalb ihrer Mündung
in die Salzach beruhigt sie sich ein wenig. Von hier aus kann sie
vielleicht befahren werden, bis jetzt ist sie es aber noch nicht.
Dieses Unternehmen lockt Herbert und Ernst. Sie besichtigen die Ache
einen Vormittag lang. Leider ist die aber bei dem augenblicklichen
Wasserstand wenigstens im oberen Teil unbefahrbar. Die letzten
befahrbaren km ab Bahnhof Krimmel nehmen wir mit und haben bis nach
Wald ein steiniges, aber pfundiges Wildwasser. Jeder muß dem Flußgott
eine “Sente” (Vierkant-stab des Faltboots) opfern. Bis Bruck-Fusch
haben wir Zahmwasser. Rechts des weiten Tales erheben sich die Tauern,
ein imposantes Panorama. In dieser Nacht zelten wir vor einem
Bauernhaus.
Freitag:
Heut fahren nur Herbert und Ernst mit den Booten, denn es geht auf das
schwierigste Stück der Salzach: Bruck bis Schwarzbach-St. Veit. Ganz
können die beiden die Strecke nicht bewältigen, bei Rauris-Taxenbach
steigen sie aus und fahren mit mir im Auto bis Lend, wo sie an der
Eisenbahnbrücke wieder einsetzen. Das Lender-Doppel-S läßt sie nicht
viel zum Schauen kommen, ununterbrochen folgt ein Schwall dem anderen.
Vor Schwarzbach-St.Veit bezwingen sie die sogenannten Schwarzbacher
Stufen. Auf der Straße, die hier dicht am Fluß verläuft, staut sich
der Verkehr und viele Neugierige sammeln sich am Ufer, um dem Erfolg
des Unternehmens zuzuschauen. Bis St. Johann muß ich noch
Benzinkutscher spielen, dann tauschen Ernst und ich wieder die Rollen.
Herbert und mich trägt nun der Fluß bis vor die Salzach-Öfen. Zweimal
wartet er uns noch mit Schwierigkeiten auf, mit dem Werfener Eck und
dem Sulzauer Wächterschwall. Am Beginn des Paß Lueg, erwartet uns
Ernst, er hat dort unser Nachtlager aufgeschlagen. Schnell wird
gekocht, noch schneller alles vertilgt. Und dann schlafen wir todmüde
von den Anstrengungen des Tages.

Samstag:
Früh sind wir heraus. Klar und durchsichtig leuchtet der Herbstmorgen
von den Berggipfeln herab. Wir brauchen den ganzen Vormittag um die
Salzach-Öfen zu besichtigen. Mittags entschließen sich Ernst und
Herbert, sie zu befahren. Ich werde sie am Ausgang der Öfen erwarten.
Kaum bin ich mit dem Auto angekommen, sind sie schon da, abgekämpft
und voller Freude über die vollbrachte Leistung. Nun werden die Boote
in der Sonne getrocknet, abgebaut und auf dem Dachgestell unseres
Fiats verstaut. Bei Dunkelheit kommen wir über Salzburg nach
Rosenheim. Die Slalomstrecke können wir gar nicht mehr besichtigen. Am
Sonntag ½ 7 Uhr früh trainieren wir noch schnell auf der Strecke. Bald
beginnt der Wettkampf.
Lange noch trauere ich dieser schnell vergangenen, schönen Zeit nach.
Mein einziger Trost ist, daß wir noch viele Wildwassersommer vor uns
haben.
Tagebuchaufzeichnungen, bearbeitet von Ernst Gierer.