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Zünftige Wildwasserfahrerei

Wir waren zu Dritt. Bei Wildwasserregatten und –fahrten hatten wir uns kennengelernt. Anfang September wollten wir Urlaub machen. Die Zeit stand fest, nämlich die Woche zwischen dem internationalen Städteslalom in Steyr und dem Herbstslalom in Rosenheim. Lange wußten wir nicht, wohin es gehen sollte. Die Alpen und die Vielzahl ihrer Flüsse lagen wie ein Paradies vor uns.

Nun aber blättern wir in meinem Fahrtenbuch und schauen wie es war:

 

Am Samstagmorgen holen mich Ernst und Herbert mit dem Auto, einem Fiat 600, aus Freising ab. Nach einer wunderbaren Fahrt durch einen strahlenden Spätsommertag kommen wir mittags in Steyr an, wo wir gastlich aufgenommen werden. Nachmittags erproben wir unser Können auf der Wettkampfstrecke.

Sonntags ist herrliches Wetter. Der Slalom findet auf der Weltmeisterschaftsstrecke von 1951 statt; er verlangt mehr als nur Fahrtechnik, nämlich Mut. Nachmittags, nachdem unsere Boote getrocknet verpackt und die Sieger geehrt waren, geht es los: die Enns aufwärts nach Großreifling. Es ist schon sehr spät geworden, bis wir unser Zelt im dunklen Schatten der Gesäuseberge aufgebaut haben. In der nächsten Wirtschaft wird noch während des Abendessens ausgekundschaftet, wann am nächsten Tag ein Forstauto in Richtung Palfau an die Steyrische Salza fährt. Es heißt um 6 Uhr früh.

Am nächsten Morgen ist der Erste schon um ½ 5 Uhr munter. Seine eifrigen Bemühungen, uns das Frühstück zu bereiten, sind von dem Erfolg gekrönt, daß uns das Forstauto beinahe vor der Nase davon fährt, weil wir zu ausgiebig futtern. Schnell räumen wir unser Zelt auf, dann laden wir die Bootsrucksäcke auf das Auto. Wir kauern uns im Windschatten der Fahrerkabine zusammen, weil es zu dieser Jahreszeit morgens schon empfindlich kalt ist. Nach nochmaligen Umladen kommen wir bis kurz vor die Bresceniklause. Schnell werden die Boote aufgebaut. Als die Sonne richtig zu wärmen anfängt, geht es die Salza hinunter. Wenig, aber glasklares Wasser führt dieser Gebirgsbach. Wo der Lassing mündet, rasten wir und sonnen uns. Immer schwieriger wird das Wasser, um in einer Gefällstufe, dem Salzarechen, seinen Höhepunkt zu finden. Dem, der mit Wildwasser nicht vertraut ist, lobt man vergebens die Schönheiten der Salza und ihre wuchtige Landschaft, aber gerade das bereitet wirkliche Freude, die Schwierigkeiten des Flusses zu überwinden und sich so die Schönheit der Landschaft zu erschließen. Nach dem Rechen fließt die Salza in ihre große Schwester, die Enns. Ein mächtiger Schwall zeugt vom Kampf der beiden Wassermassen. Die raschen Wellen der Enns tragen uns zu unserem Zeltplatz vom vorherigen Tage. Nach den Anstrengungen schmeckt die Brotzeit besonders gut und wir sind froh, bald in unser Zelt kriechen zu können.

Dienstag: Für heute haben wir uns die Enns vorgenommen. Gegen ½ 9 Uhr brechen wir auf. Die aufgebauten Boote auf dem Dachgestell des Fiat 600 fahren wir hinüber nach Hieflau und ins Gesäuse. Welcher Faltbootfahrer hat noch nie von Hieflauer Höll und der einst für unbefahrbar gehaltenen Kummerbrückenstecke gehört? Müßig zu fragen, denn jeder möchte seine Kräfte mit diesem klassischen Wildwasser messen. Die Fahrt bis zum Gesäuseeingang zieht sich sehr in die Länge, immer wieder laufen wir hinunter zum Wasser, schauen und schauen. Alle Schwierigkeiten werden genau besichtigt und besprochen. Aber oft kommen wir trotz aller Kletterkunststücke nicht dorthin, wohin wir wollen. Leider hat die Enns im Gesäuse viel von ihrem Wasser durch das Stauwerk bei Gstatterboden verloren, aber noch immer ist sie eines der prächtigsten und machtvollsten Wildwasser, die es gibt. 300 m oberhalb der Eisenbahnbrücke, gleich hinter dem Gesäuseeingang, bringen wir zwei Boote zu Wasser. Ich als Anfänger werde dazu verdonnert, das Auto nebenher zu fahren. Kaum sitzen Herbert und Ernst in den Booten, geht die Balgerei mit dem Wasser los und sie schießen davon. In Gstatterboden sehe ich sie erst wieder. Sie kommen kaum später an, als ich mit dem Wagen. Gerade so, daß ich ihnen noch eine geeignete Stelle zum Landen heraussuchen kann. Die beiden Boote werden aufs Auto gepackt und ab geht’s zur Kummerbrücke. 200 m unterhalb von dieser gehen meine zwei Kameraden wieder aufs Wasser. Nun sehe ich sie nur noch selten. Sie fahren unten in der Schlucht. Ab und zu kann ich einen Blick hinunter auf die Schwierigkeiten des Wassers werfen. Von der Hartlesgrabenbrücke aus kann ich lange ihren Weg durchs Felslabyrinth verfolgen. In Hieflau vertauschen Ernst und ich die Rollen, er steigt ins Auto und ich ins Boot. Ehe wir uns versehen, sind wir durch die ersten Schnellen. Die “Höll” ist heute so zahm, daß wir sie beinahe übersehen. Weitere Schwälle, Lawinenschwall, Landl – S und Wiener Wellen, lassen uns heftig über die Wogen tanzen. Trotz Gummianorak sind wir pitschnaß. Immer wieder erwischt uns ein Brecher. Grünes klares Wasser wäscht uns und unsere Boote gründlich. Erstaunlich, wo das Wasser überall hinfindet. Am ärgsten ist es, wenn den Nacken hinunter eine kalte Dusche rieselt. Brrr, da wird’s’ einem eisig! Am Spätnachmittag legen wir am Zeltplatz an. Ernst erwartet uns schon mit einem warmen Essen. Aber heute sind wir unersättlich. Abends essen wir noch einmal eine doppelte Portion im Gasthaus.

Mittwoch: Es regnet. Ein richtiges Hundewetter!! Aber uns stört’s wenig. Wir haben einen Reise- und Erholungstag eingelegt. Am vorhergehenden Abend haben  wir beschlossen, für die nächsten Tage an Krimmler Ache und Salzach zu gehen. In einer Regenpause wird alles verstaut und ab geht’s. Über den Madlingpaß kommen wir nach St. Johann an die Salzach. Unterwegs laufen wir immer wieder ans Wasser, um es uns anzuschauen und so kommen wir erst spät abends nach Krimml. Gut, daß Herbert hier einen Bauern kennt, auf dessen Tenne wir übernachten können: denn zum Zeltaufbau ist es schon zu dunkel.

Donnerstag: Die Krimmeler Ache stürzt sich aus dem Gebiet des Glockenkarkogels in ungeheuren Wasserfällen herab. Sechs Kilometer oberhalb ihrer Mündung in die Salzach beruhigt sie sich ein wenig. Von hier aus kann sie vielleicht befahren werden, bis jetzt ist sie es aber noch nicht. Dieses Unternehmen lockt Herbert und Ernst. Sie besichtigen die Ache einen Vormittag lang. Leider ist die aber bei dem augenblicklichen Wasserstand wenigstens im oberen Teil unbefahrbar. Die letzten befahrbaren km ab Bahnhof Krimmel nehmen wir mit und haben bis nach Wald ein steiniges, aber pfundiges Wildwasser. Jeder muß dem Flußgott eine “Sente” (Vierkant-stab des Faltboots) opfern. Bis Bruck-Fusch haben wir Zahmwasser. Rechts des weiten Tales erheben sich die Tauern, ein imposantes Panorama. In dieser Nacht zelten wir vor einem Bauernhaus.

Freitag: Heut fahren nur Herbert und Ernst mit den Booten, denn es geht auf das schwierigste Stück der Salzach: Bruck bis Schwarzbach-St. Veit. Ganz können die beiden die Strecke nicht bewältigen, bei Rauris-Taxenbach steigen sie aus und fahren mit mir im Auto bis Lend, wo sie an der Eisenbahnbrücke wieder einsetzen. Das Lender-Doppel-S läßt sie nicht viel zum Schauen kommen, ununterbrochen folgt ein Schwall dem anderen. Vor Schwarzbach-St.Veit bezwingen sie die sogenannten Schwarzbacher Stufen. Auf der Straße, die hier dicht am Fluß verläuft, staut sich der Verkehr und viele Neugierige sammeln sich am Ufer, um dem Erfolg des Unternehmens zuzuschauen. Bis St. Johann muß ich noch Benzinkutscher spielen, dann tauschen Ernst und ich wieder die Rollen. Herbert und mich trägt nun der Fluß bis vor die Salzach-Öfen. Zweimal wartet er uns noch mit Schwierigkeiten auf, mit dem Werfener Eck und dem Sulzauer Wächterschwall. Am Beginn des Paß Lueg, erwartet uns Ernst, er hat dort unser Nachtlager aufgeschlagen. Schnell wird gekocht, noch schneller alles vertilgt. Und dann schlafen wir todmüde von den Anstrengungen des Tages.

Samstag: Früh sind wir heraus. Klar und durchsichtig leuchtet der Herbstmorgen von den Berggipfeln herab. Wir brauchen den ganzen Vormittag um die Salzach-Öfen zu besichtigen. Mittags entschließen sich Ernst und Herbert, sie zu befahren. Ich werde sie am Ausgang der Öfen erwarten. Kaum bin ich mit dem Auto angekommen, sind sie schon da, abgekämpft und voller Freude über die vollbrachte Leistung. Nun werden die Boote in der Sonne getrocknet, abgebaut und auf dem Dachgestell unseres Fiats verstaut. Bei Dunkelheit kommen wir über Salzburg nach Rosenheim. Die Slalomstrecke können wir gar nicht mehr besichtigen. Am Sonntag ½ 7 Uhr früh trainieren wir noch schnell auf der Strecke. Bald beginnt der Wettkampf.

 

Lange noch trauere ich dieser schnell vergangenen, schönen Zeit nach. Mein einziger Trost ist, daß wir noch viele Wildwassersommer vor uns haben.

Tagebuchaufzeichnungen, bearbeitet von Ernst Gierer.

 

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