Außer
Karten hatten wir keine weiteren Angaben. Das ganze Gebiet war
absolute Wildnis.
Mit unseren schwer beladenen Metzeler Spezi Kajaks (u.a. Lebensmittel
für ca. vier Wochen) paddelten und treidelten wir – manchmal bis zur
Brust im Wasser – tagelang den Fluss aufwärts. Oft mussten wir die
Boote über Biberdämme heben. Dahinter war dann zur Belohnung
Stauwasser und wir konnten paddeln.
Am Himmel kreisten Weißkopfadler und manchmal hörten wir den
eigenartigen, wehmütigen Ruf der Canada Wildgänse. Wir marschierten
durch weglose Sumpfwiesen mit Schwärmen von Moskitos, durch
Erlenbuschgestrüpp. Die einzige Freude waren die großen, reifen
Blaubeeren, die es in Hülle und Fülle gab.
Am ersten namenlosen See bauten wir die Boote wieder auf. Wir nannten
ihn ”Lake Harald”. Über kleinere Wasserverbindungen, unterbrochen von
Biberburgen, erreichten wir den Quellsee des Hess River.
Eine Elchkuh mit ihrem Kalb verharrte reglos am Ufer. Biber planschten
im Wasser und schlugen mit ihren breiten Schwänzen auf die
Wasseroberfläche.
Hier bauten wir unser Nachtlager auf.
Harald, unser bester Koch,
bereitete uns ein leckeres Essen. Am nächsten Morgen paddelten wird
auf dem See, den wir ”Lake Heinz” getauft hatten, in nördlicher
Richtung. Nach einer endlosen Schaufelei erreichten wir den gerade
noch fahrbaren Ausfluss. Wir tauften ihn ”Manni River”. Am nächsten
Morgen schien die Sonne. Der Manni River war inzwischen zu einem
beachtlichen Fluss mit vielen Schnellen angewachsen. Er war voller
Fische. Vor allem die Graylings (Äschen) schmeckten köstlicher als
Forellen. Wir angelten jeden Tag einige als Zugabe zum Abendessen.
Kurz nach der Mündung des Manni River in den Hess River brach
urplötzlich ein kapitaler Elchbulle aus dem Ufergestrüpp und stürzte
sich wenige Meter vor uns in den Fluss. Ehe wir unsere Kameras aus den
wasserdichten Taschen heraus holen konnten, war das prächtige Tier mit
seinem glänzenden Fell auf der anderen Flussseite zwischen Pappeln und
Erlenbüschen verschwunden.
Der schnellströmende Hess River hatte gutes Mittelwasser von grünlich
trüber Farbe. Bald war der dunkle, saubere Manni River von diesen
Wassermassen verschluckt.
Wir ließen uns treiben und bemerkten plötzlich nahe dem Fluss einen
Wolf, der uns lange neugierig betrachtete. Er trank etwas Wasser und
schnürte gelangweilt weiter.
Auf einer Kiesbank stand ein wunderschönes Caribou mit mächtigem
Gehörn und verharrte reglos, als es uns wahr- nahm. Wir konnten dicht
heran fahren und filmen, ehe es ohne Hast seines Weges zog.
In einem flachen Kehrwasser legten wir
an und zogen die Boote heraus. Wir machten uns ein kleines Feuer. Wir
waren gerade mit dem Essen fertig und
tranken Tee, als wir einen mächtigen Grizzly- Bären den Fluss
herunter schwimmen sahen. Die Strömung trug ihn an uns vorbei. Zwanzig
Meter unterhalb tappte er aus dem Wasser und schüttelte sich.
Wir entschieden uns ruhig und still
sitzen zu bleiben und abzuwarten – das war richtig. Der Bär nahm
überhaupt keine Notiz von uns und verschwand in den Büschen.
Kurz danach hörten wir ein Brüllen und ängstliche Laute eines anderen
Tieres. Da brachen eine Elchkuh und
ihr Kälbchen panikartig
aus dem Gestrüpp. Beide sprangen in den Fluss, verfolgt von dem wütend
grunzenden Bären.
Die Elchkuh schwamm sehr schnell. Das Kalb kam fast nicht nach. Doch
die Todesangst verlieh ihr zusätzliche Kräfte. Am anderen Ufer sprang
die Elchkuh aus dem Wasser, das Kalb hinterher, verfolgt vom Bären.
Alle drei verschwanden im Wald. Dann ein Todesschrei.
Vor unseren Augen hatte sich ein Tierdrama abgesp
ielt.
Wir saßen wie erstarrt und schwiegen lange.
Nach einigen Passagen
mit gut fahrbaren Stromschnellen kamen wir in ruhig fließendes Wasser
des Hess River. Nach einer Kurve sichteten wir am
rechten Ufer einen außergewöhnlich großen Grizzly, der
gemütlich im Gras saß und ins Wasser starrte. Als er uns bemerkte,
richtete er sich auf, tappte ein paar Schritte umher und schaute uns
neugierig an. Wir zückten die Kameras. Heinz war so dicht bei ihm,
dass ich beide aufs Bild bekam. So entstand das einzigartige Bild
"Heinz mit Bär"
von Manfred Bechtle