Stuttgarter Kajak- Club e.V. 

 

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1000 Kilometer mit Faltbooten auf Ross-, Pelly- und Yukon River

 

Nach Tagebuchaufzeichnungen von Prof. Dr. Harald Suhr. Fotos von Manfred Bechtle. Teilnehmer: Harald Suhr, Harald Allgayer, Manfred Bechtle.

 

 

Mittwoch, 30. Juni

Wir fliegen von Stuttgart über London mit der Air Canada nach Edmonton, Alberta, Canada. Nach der üblichen Abfertigung bei der Einwanderung fahren wir mit einem Taxi zur Travel Lodge in die Stadt. Unsere Boote sind noch nicht angekommen.

Donnerstag,1. Juli

Durch die Zeitumstellung kommt der Schlaf nicht richtig. Bereits um 5 Uhr müssen wir zum Airport aufbrechen. Dort erfahren wir, dass die Boote noch irgendwo unterwegs sind. Wir beschließen weiter zu fliegen und dann das Bootsgepäck nach White Horse nachschicken zu lassen.

Freitag, 2. Juli

Am Flughafen fragen wir nach den Booten. Leider negative Nachricht.  Wir sollen am nächsten Tag vorbei kommen.

Samstag, 3. Juli

Nach verschiedenen Besichtigungen in White Horse fahren wir wieder einmal zum Flughafen. Noch immer keine positive Nachricht. Man würde sich bemühen und wir sollen noch warten. Abends um 6 Uhr landet die Maschine und unsere 6 Säcke mit den Faltbooten werden entladen. Auf dem Weg vom Airport machen wir noch einen letzten Besuch in unser ”Indianer Bierkneipe”. Die Gäste dort sind eine Ansammlung verkommen aussehender Gestalten. Viele Indianer und Indianerinnen. Fast alle ziemlich angetrunken. Einige von ihnen sehen wir fast jeden Tag. Die Mädchen: ja sind sie Prostituierte oder nicht? Hier tuts jeder mit jedem klärt uns ein ”Kenner” auf. Eine Indianerin, die immer halb blau ist, passt aber genau auf, wer mit wem.

Sonntag, 4. Juli

Wir stehen früh auf, denn vor 8 Uhr sollen wir uns mit unserem Buschpiloten am Flugplatz treffen. Als er dann das Gepäck sieht, schüttelt er bedenklich den Kopf. Zu schwer seien wir wohl nicht, aber das Gepäck sei zu sperrig. Er telefoniert schnell nach einem zweiten Piloten.   Nachdem das Flugzeug gepackt ist, geht außer dem Piloten nur noch ein Passagier hinein. Wir vereinbaren, dass wir mit zwei Flugzeugen fliegen. Das Wasserflugzeug soll bis zum Itsi Lake mit mir und dem Gepäck fliegen, während das Landflugzeug mit Harald und Manfred zu einer Landebahn am Sheldon Lake fliegt. Das Wasserflugzeug kommt dann leer vom Itsi Lake zurück und holt die beiden anderen Kameraden ab. So wird es gemacht und es klappt alles bestens. Wir landen sicher in einer kleinen Bucht.  Nachdem das Flugzeug ausgeladen ist, startet Ronny wieder und holt Harald und Manfred.  Die Wildnis hat uns.

Montag, 5. Juli

Nach dem Frühstück werden die Nahrungsmittel für die einzelne Boote verteilt und jeder packt sein Boot. Am frühen Nachmittag ist es soweit. Die voll geladenen, gut 1 ½  Zentner schweren Boote werden ins Wasser gelassen. Als wir selbst drin sind, schaut die Bootsoberkannte nur noch wenige Zentimeter aus dem Wasser heraus.

Dienstag, 6. Juli

Wir schwimmen schon gegen Mittag auf dem Wasser.  Zwei Stunden folgen mit rascher Flussfahrt und einigen Schwällen. Wir  fahren mit Schwimmwesten, denn es sollte nach der Beschreibung ein schwerer Abschnitt  kommen.  Ein Canyon kommt in Sicht.  Rechtzeitig landen wir an. Wir gehen eine etwa 2 km lange Portage mit guter Sicht in den Canyon ab. Die schwierigste Stelle ist die Einfahrt mit einem gewaltigen Felsblock in der Mitte. Nach genauem Ansehen beschließen wir zu fahren. Das Umtragen wäre bei der Hitze und den vielen Moskitos sehr beschwerlich und anstrengend gewesen. Es klappt alles.

Mittwoch, 7. Juli

Bevor wir den großen und langen Sheldon Lake erreichen, müssen wir drei kleinere Seen und ein paar träge Flußabschnitte durchpaddeln. Anschließend  ein spiegelglatter See, dann eine längere Verbindung zum Lewis Lake. Ein Elch schwimmt von einer Insel zum Ufer. Wir erreichen  den Ausfluss mit flotter Strömung.  Unser Lager errichten wir auf einer schönen Kiesbank. Harald macht uns ein vorzügliches Essen.

Donnerstag, 8. Juli

Auf schnellem Flussauf mit einigen Rapids gelangen wir zum Prevost Canyon, der zwei schwierige Passagen haben soll. Wir steigen aus und können alles gut abgehen und einsehen. Bei der etwas ver- blockten Einfahrt sind hohe Schwälle.  100 m weiter schießt der Fluß links direkt gegen eine Felswand und rechts steht eine gewaltige Walze, aber es gibt eine schmale Durchfahrt. Wir prägen uns alles ein. Jeder fährt für sich. Es klappt bei allen. Wir machen unser Nachtlager auf einer Kiesbank. Am Abend versuche ich einen Kuchen zu backen. Er wird nicht besonders. Aber am nächsten Morgen schmeckt er uns zum Frühstück.

Freitag, 9. Juli

Der heutige Tag verläuft ohne besondere Ereignisse. Der Fluß zieht gleichmäßig und flott dahin. Die Tannen stehen jetzt dichter zusammen. Gegen Nachmittag zieht ein Gewitter auf, aber es regnet kaum. Gegenüber des Timber Creeks finden wir den bisher schönsten Zeltplatz auf einer Insel und übernachten dort. Das Feuerholz haben uns Biber hergerichtet. Überall handliche ca. 30cm lange Stücke mit angespitzten Enden. Wir sitzen lange am Feuer und träumen.

Samstag, 10. Juli

Der Morgen beginnt grau. Der Himmel ist voller Wolken. Wir schaufeln oder treiben mit großem Abstand einzelnen dahin. Wir machen heute früher Schluss und richten unser Lager. Manne und Harald bauen aus Holz und Sand einen Backofen. Das Feuer darin ist so heftig, dass der ganze Ofen mit brennt. Beim Herausnehmen des ersten Kuchens fällt eine Ladung Sand darauf. Es wird zähneknirschend gegessen.

   

Sonntag, 11. Juli

Wir befinden uns ca. zwei Stunden vor dem Ort Ross River und beschließen einen Ruhetag einzulegen. Der Tag vergeht mit Wäsche waschen, Essen, Trinken und Skat spielen. Es regnet immer wieder.

Montag, 12. Juli

Der Fluß mäandert und wird schneller. Ein paar Schwälle lassen uns rasch vorankommen. Nach einer Linkskurve fahren wir in den Pelly River ein. Etwa 1 km weiter sehen wir die Brücke der Ortschaft Ross River. Wir gehen an Land. Die Stadt besteht aus 30 bis 40 Häusern mit einem Departement Store, einer Trading Post, einer Kneipe und Hotel mit Café. Die meisten Einwohner sind Indianer. Wir ergänzen unsere Lebensmittelvorräte, geben die Post auf und trinken Bier. Anschließend verstauen wir die gekauften Dinge und fahren noch einige Stunden weiter auf dem Pelly River. 

Dienstag, 13. Juli

Die Fahrt auf den Pelly River mit seinen bewaldeten Ufern, Inseln und Kiesbänken geht schnell voran. Im Süden leuchten die blauen Berge der Pelly-Range, während im Norden bereits das Massiv der Rose-Mountains auftaucht. Wir finden später einen guten Übernachtungsplatz. Bei einem wärmenden Feuer mit “Reflektorwand” backe ich drei Brote, die recht gut werden.

Mittwoch, 14. Juli

Dieser Tag verläuft besonders ruhig. Wir bekommen Rückenwind und der Fluß strömt gleichmäßig schnell. Wir lassen uns lange Strecken treiben, singen und jodeln und manchmal kommt ein Echo von den Steilwänden zurück. Wir sehen keine Tiere und hören keine Vögel  - nur das große Schweigen der Landschaft ist um uns.

Donnerstag, 15 Juli

Der Tag beginnt mit blauem Himmel und Sonnenschein. Wir paddeln mit nackten Oberkörpern. Manchmal lassen wir uns stundenlang treiben. In den Canyon-Bergen fahren wir ca. 2 Stunden durch ein riesiges Waldbrandgebiet. Einmal schwimmt ein junger Bär durch den Fluß, schüttelt sein hellbraunes Fell und verschwindet im Gestrüpp.

Freitag, 16. Juli

Frühstück und Einpacken geht noch im Trockenen; aber bald kommt ein Gewitter mit Regen. Wir paddeln viele Stunden mit gesenktem Kopf, die Hutkrempe in die Stirne gezogen . Gegen Abend, in einer Regenpause, bauen wir die Zelte auf und kochen unser Essen.

 

Samstag, 17. Juli

Heute ist ein prächtiger Sommertag. Frühzeitig sind wir auf dem Wasser. Der Fluß hat kaum Schwierigkeiten, nur bei Kiesbankschwällen mit großen Treibholzverhauen ist Vorsicht geboten.  Es geht durch den Granit Canyon. Wir kommen  gut durch. Nach dem Canyon sehen wir rechts zwei Blockhütten und werden von aufgeregtem Hundegekläff von etwa 20 einzeln angebundenen Hunden empfangen. Wir gehen an Land und werden von einem älteren und einem jüngerem Mann sowie einer jungen Frau willkommen  geheißen. Der ältere Mann heißt Eddi und ist Trapper, während die jungen Leute nur zu Besuch sind. Wir unterhalten uns lange und erfahren viel über das Trapping.   Nach 2-stündiger Fahrt taucht die Ortschaft Pelly  Crossing auf. Der Ort besteht aus drei Kirchen, einer Tankstelle, einem Store, ein paar Blockhütten und Fertighäusern. Es sollen hier 175 Menschen leben, die meisten Indianer. Wir booten wieder ein und fahren noch einige Stunden. Wir finden eine Übernachtungsstelle, die angeblich gute Angelmöglichkeiten hat. Ich fange aber wieder nichts.

Sonntag, 18. Juli

Wieder Wetterwechsel mit Regen und Gegenwind. Der Pelly fließt schnell, jedoch die Paddelei gegen den Wind ist sehr anstrengend. Nach einer langen Fahrt durch einen Canyon mit großen, versetzten Felsen im Fluss fahren wir bis zu einer Kiesbank und booten aus.

Montag, 19. Juli

Wir fahren in den mächtigen Yukon ein. Schräg gegenüber liegt die verlassene Ansiedlung Fort Selkirk. Es gibt nur zwei Einwohner, einen älteren Indianer mit Frau. Fort Selkirk hat noch etwa 30  Gebäude, mehr oder weniger gut erhalten; auch ein Schulhaus und eine Kirche. Der Ort wurde 1952 aufgegeben als die Yukon Schifffahrt eingestellt wurde.

Es geht weiter auf dem Yukon. Er ist ca. 1 km breit und zieht lautlos und schnell dahin. Beim Eintauchen des Paddels hört man es knirschen. Es ist das Geschiebe von Sand und Steinen am Grund. Der Yukon füllt das Tal und ändert seine Richtung nur, wenn die Gebirgsfaltung ihn dazu zwingt.

Dienstag, 20. Juli

Noch ein herrlicher Tag auf dem klaren Yukon. Über uns ein fast wolkenloser blauer Himmel. Wieder finden wir einen schönen Übernachtungsplatz auf einer Insel. Mit der sinkenden Sonne ändern die Berge im Osten die Farbe von rot über violett nach stahlblau. Harald kocht ein gutes Essen und zufrieden sitzen wir an der Glut unseres Feuers.

Mittwoch, 21. Juli

Das Tal verbreitert sich. Nach zwei Stunden treffen sich Yukon und White River. Der White River führt sedimenthaltiges Wasser von milchiger, dreckiger Farbe, welches nach einigen Kilometern auch den Yukon färbt. Der Fluß ist nun manchmal ca. 3 km breit und hat viele Arme. Boot und Mensch werden winzig klein und ihre eigene Geschwindigkeit unwesentlich.

Donnerstag, 22. Juli

Gegen 10 Uhr sind wir wieder auf dem Wasser. Die Fahrt verläuft recht flott, denn der Yukon hat wenig Krümmungen. Das nächste Gewitter ist eine Weile drohend vor uns. Die starken Randböen ergreifen uns. Sie sind so heftig, dass sie von den Inseln Sandfontänen hoch wirbeln und uns fast die Paddel aus den Händen reißen. Der Wind kommt auch noch von vorn, durchsetzt von gewaltigen Wolkenbrüchen mit Hagelschauern. Der Yukon ist aufgewühlt und die Sicht sehr schlecht. Nach Stunden flaut es ab und wir legen bei leidlichem Wetter kurz vor Dawson City bei der Klondyke-Mündung an und booten aus.

 

Eine abenteuerliche, traumhaft schöne 1000 km lange Flußtour liegt hinter uns.

 

 

Manfred Bechtle

 

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