Der
MAX-EYTH-SEE war in den fünfziger Jahren eine arge Kloake, und SEE war
er auch nicht. Fliegerbomben hatten im Krieg den Damm zum Neckar
aufgerissen, das damals üble Nass mit seinem Waschmittelschaum aus
Haushalten und den Schwermetallen der schwäbischen Industrie war
allgegenwärtig. Von heroischen Marinezeiten (am Neckar) zeugte ein
rostiger Leuchtturm - wozu der einst diente, wußten wir Buben nicht,
wollten es auch nicht wissen. Mitten im See stand eine angefaulte,
pilzförmige Plattform, einst wohl gedacht als Ziel für mutige
Schwimmer. Wegen Badeverbots vereinsamte das Bauwerk, wurde trotzdem
renoviert, später im Zuge städtebaulicher Verschönerung abgerissen.
Da,
wo heute eine Imbiss-Bude steht, auf der gemauerten Halbinsel, war ein
heruntergekommenes Tanzlokal, für uns stimmbrüchige Jünglinge ein
Ärgernis. Am ”Weekend” sahen wir dort unsere uniformierten Freunde
aus Amerika - der Dollar stand auf über vier Mark - mit unseren
petticoatgepanzerten Traumgirls tanzen. Und wenn die dann in Keefer’s
Mietbooten in die Nacht entschwanden ......... r,X%&$/( Groll).
Wir
wußten sehr wohl, was da montags im Wasser schwamm. Die Amis, sagte
man, kriegten die Dinger umsonst. Mittwochs aber, wenn wir trainieren
wollten, waren sie abgesoffen. Der See war wieder unser Sportplatz,
unsere Spielfläche, trotz allem UNSER See.
Unser See war größer als der See des gegenüberliegenden Segelclubs.
Vom Tanzlokal zur Strassenbahnhaltestelle im Süden führte eine
halbzerfallene Brücke, irgendwelche rostigen Rohre liefen daran
entlang. Da konnten die Kakerlaken-Mutterschiffkapitäne mit ihren
hohen Masten nicht durch. Dort aber, wo jetzt der öffentliche Steg aus
Waschbeton Naherholung signalisiert, da war unser privates Revier. Das
Wasser war hier etwas sauberer. Kiesabbauer hinterließen einige
sandige Inselchen, bewachsen mit Weiden und Erlen. Libellen,
Schmetterlinge, Käfer, Vögel und Frösche lebten hier. Ein
Feucht-Biotop nennt man das heute, doch das war uns damals schietegal.
Da aber, da waren diese dicken Karpfen im Flachwasser. Die liebten wir
besonders, wenn sie mit einem Speer aus Haselnuß durchbohrt unter der
Spritzdecke verschwanden, um kurz danach hinter dem Klubhaus als
”Steckenfisch” geröstet unsere mageren Körper zu stärken. Diese
Schlamm- wühler.... Würg.
So,
nun wären wir endlich am Bootshaus. Kein Yachtclub, aber immerhin
UNSER Bootshaus. Eine grün gestrichene Baracke war das, Holzgerüste im
Innern dienten als Lager für unser wertvollstes Gut. Einige filigrane
Rennkajaks hingen in Gurten von der Decke und auf waagrechten Streben
lagerten die Faltboote.
Kunststoffboote waren noch nicht am Markt, Schlauchboote hielten wir
für unsportlich. Als Edelmarke galt Klepper T 9, T 66, Blauwal, Aerius
eins und zwei und wie die sonst noch hießen. Die gab es in allen
Farben, vorausgesetzt das Deck war blau und der Rumpf silbern.
Ästheten unter den Kajakfahrern besaßen GESA-Boote aus Österreich. Die
waren rot und superleicht, toll zu fahren und dauernd kaputt. Weil
eben zu leicht. Arme Paddler fuhren Hammer, Germania, Hart oder
Pionier. Ich fuhr erst Hammer, später Pionier. Lassen wir das - zurück
zum Bootshaus.
Jedes Clubheim braucht sanitäre Anlagen. Selbstverständlich hatten wir
das auch. Etwa 20 Meter hangabwärts, das Gelände wurde später
aufgefüllt, stand ein Holzhäuschen, genau so eines wie auf den
Witzblättern : Einsfünfzig im Quadrat, zweizwanzig hoch. Oben
Dachpappe, unten ein Loch. Die Tür hatte ein Herzchenfenster und den
Nachteil, daß sie sich nicht öffnen ließ. Irgendwann ist vor dem
Eingang sogar ein Bäumchen gewachsen, das Häuschen zerfiel. Nur die
prächtigen Brennesseln zeugten von regelmäßigem Besuch im Gelände.
Doch dieser Zustand sollte sich bald ändern, Ideen waren gefragt. Wie
in der Oper war es: Wenn die Not am größten, ist Hilfe am nächsten.
Die noch junge Bundeswehr vermißte einen Klappspaten Schrägstrich Nato
oliv. Eine Papierrolle Vereinseigentum - ehrlich - wurde über den
Griff gesteckt, ab sofort konnte man und frau vollbiologisch der Erde
geben, was von ihr genommen war. Wie gesagt: Das Gelände wurde später
aufgefüllt. Sogar einen Clubraum hatten wir. Der war etwas klein,
besser gesagt saumäßig klein, weshalb die Vereinsabende in einer
Cannstatter Kneipe stattfanden. Irgendwann hat uns der Wirt
rausgeschmissen, weil wir zu wenig gesoffen hätten. Sagte der Wirt
jedenfalls. Danach waren die Versammlungen sporadisch, mal hier, mal
da, manchmal auch gar nicht.
Ein
harter Kern traf sich dennoch regelmäßig - zum Skatspiel -im
vereinseigenen Raum: Einen Tisch gab’s da, eine Bank, drei oder vier
Stühle von ungewisser Herkunft. An rostigen Nägeln hingen Turnhosen
und Leibchen, für Licht sorgte eine Kerze. Die war zünftig auf einen
Flaschenhals gepäppt und zeigte uns, wie dunkel die Nacht sein kann.
Jedenfalls bis die Moderne Einzug hielt : Ein skatspielender Kanute
brachte es zu bescheidenem Wohlstand und kaufte sich ein Moped. Wie
bitte ? Wozu man beim Karten- spiel ein Moped braucht ? Wißt ihr das
wirklich nicht ? Also: Hinter dem Haus steht ein Baum. Da kettet man
das Krafträdle an, damit es nicht geklaut wird. Als nächstes muß aus
dem Gas-Drehgriff die Rückholfeder raus. Anlassen, Gangschaltung auf
Null, Halbgas. 10 Meter Klingeldraht, ein 6-Volt Birnchen angelötet -
und schon erhellt das elektrische Licht den Stuttgarter Kajak-Club.
Was für herrliche Zeiten, die beginnenden sechziger Jahre.
Das
Mopedle ist längst recycelt und durch ein Auto ersetzt. Ein modernes
Vereinsheim mit Strom vom Kraftwerk, auch Wasserklosett und Dusche
nennen wir unser Eigen. Der See ist wieder See, der Leuchtturm weg,
das Tanzlokal auch. Das Badeverbot hat überlebt. Karpfenfang und
Spatenklau sind längst verjährt, die Fische werden heute von
lizenzierten Hi-Tech-Anglern gefoppt und niemand klaut heutzutage so
wertlosen Plunder wie Klappspaten. Die damals Jungen fahren
übergewichtig und graumeliert im Tupper-Boot (garantiert
unzerbrechlich), mit weniger Kraft, aber genau soviel Freude.
Die
heute Jungen tragen den Verein. Der Kajak-Club lebt, und von den alten
Zeiten kündet nur noch der Baum, vor dem einst unsere Baracke stand:
Zwischen Uferweg und Spielwiese, diese prächtige Weide. Da stand unser
erstes Bootshaus. Und das Moped.
Wie
war das doch in der Fernseh-Werbung?
Mein Haus
Mein Auto
Mein Boot !
Haben wir´s nicht herrlich weit gebracht???
Peter Rühle